"Normalerweise ist uns nichts gesicherter als das Gefühl unseres Selbst, unseres eigenen Ichs. Dies Ich erscheint uns selbständig, einheitlich, gegen alles andere gut abgesetzt. Daß dieser Anschein ein Trug ist, daß das Ich sich vielmehr nach innen ohne scharfe Grenze in ein unbewußt seelisches Wesen fortsetzt, das wir als Es bezeichnen, dem es gleichsam als Fassade dient, das hat uns erst die psychoanalytische Forschung gelehrt, die uns noch viele Auskünfte über das Verhältnis des Ichs zum Es schuldet."
Sigmund Freud, DAS UNBEHAGEN IN DER KULTUR (1930)



BIN ICH SCHON UNVERWECHSELBAR GEWORDEN?

Das verflixte Problem mit der Identität

Wer wir sind als Individuen, Gruppen, Nationen, als Familien und Paare, als spirituelle Sucher und Ökoaktivisten – oder auch als Jihadisten, als Pazifisten oder Bellizisten, ist das Megathema unserer Zeit. Was die spirituelle Suche anbelangt, ist es das Kernthema schon seit Jahr(zehn)tausenden, seit der Mensch irgendwann in grauer Vorzeit eine Ich-Identität erwarb, ein individuelles Bewusstsein mit der Idee eines individuell Handelnden. Oder hatten das schon einige der Tiere? Schimpansen und Elefanten können sich im Spiegel erkennen: Als man ihnen ein Zeichen auf die Stirn malte und ihnen einen Spiegel hinhielt, auf dem sie »sich« sehen konnten, wollten sie dieses Zeichen entfernen – an sich selbst, nicht am Spiegelbild. Vielleicht sind wir Menschen doch nicht so besonders, wie wir dachten.

Adressen im Universum

Was mir, dem so oft des spirituellen Geredes Überdrüssigen, an dem Begriff der Identität gefällt, ist, dass er sowohl von Naturwissenschaftlern, Soziologen, Pädagogen und IT-Programmierern verwendet wird, wie auch von den nach Selbsterkenntnis Strebenden. Alle können sich darunter etwas vorstellen. Obwohl der mathematische Begriff der Identität (dort ist damit das = gemeint, die absolute Gleichheit) davon etwas abweicht: Die anderen Disziplinen meinen mit Identität etwas Einzigartiges, das im Universum auffindbar ist, weil es davon kein Zweites gibt. In diesem Sinn haben Menschen, Nationen und Gegenstände eine Identität.
Übrigens auch Waren. Bei den am Fließband produzierten leuchtet das nicht so leicht ein, weil da die Unterschiede zwischen zwei in gleicher Weise gefertigten Dingen zu klein sind. Wogegen bildende Künstler etwa mit durchnummerierten Drucken einer begrenzten Auflage gegenzuhalten versuchen. Nur eine Nummer als Unterschied, sonst derselbe Gegenstand? Das wäre mir zu wenig an Unterschied. Und wenn ich im Laden nicht irgendeine Seife kaufen will, von der ich nicht weiß, wie gut sie ist, lasse ich mich vielleicht vom Image einer Markenseife einseifen: Marken haben doch eine Identität, No-Name-Produkte können mich nicht so gut einseifen!

Eine Marke sein

Erstaunlich, wie sehr das Ringen eines Pubertierenden (übrigens ähnlich dem Spätpubertierender wie mir in den Jahrzehnten danach) dem Ringen eines Markendesigners um Unverwechselbarkeit gleicht. Nur nicht sein wie alle anderen! Ich möchte wiedererkennbar sein, ein Image haben, eine Marke sein, eine Persönlichkeit! Gemäß der gängigen spirituellen Theorie müssen wir erst ein Ego haben, um es fallen lassen zu können und so das göttliche All-eins-sein zu erreichen. Fallen lassen? Ich dachte, die Erleuchtung besteht darin zu erkennen, dass es das Ego gar nicht gibt? Lassen wir da vielleicht nur den Glauben fallen, dass es das Ego je gegeben haben könnte?

Erleuchtete Niemands

Andererseits kennen wir durchaus Egoisten. Das sind diese rücksichtslosen Leute mit den Ellbogen, diese Karrieristen, Streber, Narzisse und Psychopathen, die nicht so sozial denken und empathisch fühlen wie wir Altruisten. Wir haben also eine Identität als empathische Altruisten, als die Guten. Alles klar? Offenbar doch wieder nicht. Dann muss mit der Ego-Transzendenz doch etwas anderes gemeint sein. Da geht es darum ein Niemand zu sein, ein Tropfen, der in den Ozean gefallen ist. Auch du bist ein solcher Niemand in der Unendlichkeit des Ozeans, du hast es im Gegensatz zu mir, dem erleuchteten Niemand, nur noch nicht kapiert. Oder? Ach, war wohl auch wieder nichts …

Rudeltiere mit Persönlichkeit

Spott hin, Erkenntnis her: Ja, es gibt das Gefühl des Ruhens in einer unverwechselbaren Identität. So wie jeder ans Internet angeschlossene Computer eine unverwechselbare ID-Nummer haben muss und jeder Erdbewohner, der am Flughafen die Kontrolle passiert, eine Ausweis-Nummer haben sollte, die keiner anderen gleicht, so sind wir unverwechselbare Individuen. Wir haben eine Identität. Das hat allerdings auch jedes Sandkorn in der Sahara, obwohl der Wind dort noch ohne Ausweis-Kontrollen die Dünen vor sich hertreibt und die einzelnen Sandkörner noch ohne Individuationsprozess auskommen. Den wir als Menschen doch durchlaufen müssen, um uns unserer Unverwechselbarkeit gewahr zu werden. Das brauchen die Sandkörner in der Sahara nicht. Auch die Schmetterlinge in meinem Garten brauchen es nicht, obwohl sie doch einst Raupen waren, also transformierte Wesen sind. Soziale Tiere wie Hunde und Pferde brauchen das schon eher: eine Persönlichkeit. Die ist nämlich Voraussetzung für Arbeitsteilungen im Kollektiv, sonst könnte es dort keine Rangordnungen geben, und die Wölfe könnten den Elch, den sie erlegen wollen, nicht einkreisen.

Das kreative Jetzt

Das Ego ist nicht an sich schlecht. Sich seiner selbst gewahr zu sein und für sich selbst eintreten zu können, Ja und Nein sagen zu können, Widerstand leisten zu können, ist gut. Das Ego kann reifen, es kann sich entwickeln. Kurzsichtige Menschen können zu weitsichtigen werden,  Ellbogenmenschen zu guten Partnern, Freunden und Kollegen. Und wir können erkennen, wie sehr diese individuelle Identität eine gewordene ist. Sie ist biografisch entstanden, sie hat eine Geschichte. Unter anderen Umständen wäre ich ein anderer geworden, ich bin also ein Produkt meiner Umwelt. Das zu erkennen ist Weisheit, nicht das Leugnen dieser Ich-Identität und ihrer Geschichte. Denn als derjenige, der dies erkennt, bin ich das ja nicht, sondern bin Bewusstsein und sogar zeitlos: In der Gegenwart gibt es kein Ich. Wo immer ich auch hinschaue, ich habe noch nie eines gefunden, denn ich bin es ja, der da schaut. Ichs entstehen erst in der Zeit, mit der Zeit, durch eine Geschichte. Die ewige Gegenwart ist in diese Geschichtlichkeit eingebettet, sie ist mitten darin. Aus ihr quellen unablässig weitere Geschichten hervor, ohne je aus der ewigen Gegenwart herauszufallen.

Ich, du, wir, alles

Ein Wir ist immer nur eine relative Erlösung aus der Isolation und Einsamkeit eines Ichs, denn jedes Wir schafft neue Isoliertheit und neue Abwehr von Fremdem, weil es sich, ebenso wie das Ich, als »so und nicht anders« definiert. Erst die Erkenntnis der Einzigartigkeit und Gewordenheit des Ichs erlöst es. Erst die Selbsterkenntnis macht das Ich – und ebenso jedes Wir – flexibel, wandelbar und zu wirklicher Güte fähig: das Ich identifiziert sich und wird so zum Du.
Weisheit besteht darin, sich sowohl als unendliches Wesen zu verstehen, das mit allem eins und verbunden ist, wie auch als abgegrenzte, unverwechselbare Persönlichkeit mit Ecken und Kanten. Dies widerspricht sich nicht, es bedingt einander sogar. Der ich bin als Persönlichkeit, ist ein Haus aus Holz, an dem viel gebaut und umgebaut wurde. Es wird verwittern und zerfallen. Aus Natur bin ich entstanden und werde dorthin wieder vergehen – wie schön!

 


AUTOR: Wolf Schneider, 2014
QUELLE: www.connection.de