"Der Unterschied zwischen einem Menschen in einer Psychose und einem Menschen

mit einem mystischen Erlebnis ist der, dass der Mystiker im Ozean schwimmen kann,

während der Mensch in der Psychose darin ertrinkt."

Willigis Jäger (2000)


"Es ist, als wären wir selbst das Loch im Taschentuch; wir sehen die andere Ecke vom Taschentuch und denken, wie angenehm es doch wäre, unsere Leere mit ihr auszufüllen. So schneiden wir sie aus und füllen uns damit an, nur um herauszufinden, dass wir nun das neue Loch sind - der unsichtbare blinde Fleck im Universum. Der Trugschluss der Dualität."

Alan Watts, DIE SANFTE BEFREIUNG (1939, DIE BEDEUTUNG DES GLÜCKS)


"Sie werden schließlich merken, dass auch Meditationsübungen eine Form von Magie sind, die Ihr Ich größer machen soll, und dass Sie ebenso wie Prediger und Lehrer, die Ihnen Schuldgefühle vermitteln, nun Ihrerseits versuchen, Ihren Durst mit Salzwasser zu stillen. (...) Sobald sich diese Illusion auflöst, werden Sie etwas sehr Merkwürdiges entdecken: dass Meditation und religiöse oder spirituelle Übungen jeder Art unnötig sind. (...) Man kann jede menschliche Aktivität einfach dadurch zur Meditation machen, dass man völlig dabei ist und sie ausschließlich um ihrer selbst willen tut."
Alan Watts, ZEN - STILLE DES GEISTES (2000)


"Ich habe gesehen, daß es kein erwachen gibt, weil es auch kein schlafen gibt. Das ist alles nur beschäftigungstherapie aus angst vor der großen langeweile."

Tobias Torkelin, 22.3.2015 (Email an die LDL)

 

 

Das depressive Ich missbraucht die mystische Erfahrung, um sich mit Leere anzufüllen anstatt sich selbst aufzulösen. Erst das Loslassen von den heiligen Begriffen führt in die echte Bewusstseinsmitte

DIE SPIRI-PSYCHOSE

Von der Notwendigkeit, aus der Erleuchtung aufzuwachen

 

Hältst Du Dich für erleuchtet oder erwacht? Dann steckst Du mitten in der klassischen Spiri-Psychose oder wie die alten Zen-Meister sagten: Du stinkst nach Zen! Wer hat die Dreistigkeit, das zu behaupten? Der Autor dieses Textes war selbst über zwei Jahrzehnte lang Opfer der Spiri-Psychose - er weiß, wovon er spricht. Heute lache ich nur darüber, aber als ich darin steckte, bemerkte ich gar nicht, mit wieviel psychischem Kraftaufwand ich mir meine Erleuchtung ständig herbeizauberte. Es gibt einen subtilen, aber gravierenden Unterschied zwischen der Einbildung des Erwachens und dem echten Erwachen. Solange Du glaubst, dass Du erwacht seist, kannst Du es gar nicht sein, weil Du es als das Gegenteil vom Schlafzustand empfindest. Erst wenn die Erkenntnis eintritt, dass es den Schlaf gar nicht gibt, passiert echtes Erwachen.

 

Das sprachlose Zentrum

 

Aber wie kann diese Erkenntnis eintreten, wenn man sich krampfhaft am Glauben festhält, man hätte den Schlaf überwunden? Das ist das große Geheimnis der echten Erleuchtung, aber es handelt sich eigentlich um kein Geheimnis sondern um Gnade. Denn die Erkenntnis, dass es den Schlafzustand nicht gibt, weil alles im Grunde hellwach ist, geschieht automatisch, sobald etwas anderes, geradezu magisches, vor sich geht: die Heimkehr in das innerste Zentrum des eigenen Körpers, wo diese sprachlose Leere tatsächlich wohnt, die man vor langer Zeit in einer mystischen Erfahrung gespürt hatte. Als diese Erfahrung geschah, warst Du schon so lange daran gewöhnt, jede Gemütsregung als reingeistiges Objekt außerhalb Deines Körpers durch Dein abgespaltenes Ich zu betrachten, dass Du nicht fähig warst, diese unendliche Leere als Dein eigenes Zentrum zu begreifen. Da war dieses Ich, das die Leere wie ein Objekt begutachtete und versuchte, sie in das Gesamtsystem Leben gedanklich irgendwo einzubauen. Der Geist spielte den Streich, sich nicht selbst zu entleeren sondern die Leere nur zu betrachten, sie meditativ zu erfassen. Er füllte sich quasi mit Leere an und behauptete fortan, leer zu sein, obwohl er randvoll mit gedachter Leere war. Welch ein perverses Paradoxon!

 

Die Theatralik der Erleuchtung

 

Aber das Ich kann sich nicht lange an dieser letzten spirituellen Illusion festhalten, denn der Energieverschleiss für diesen Selbstbetrug ist gewaltig und führt irgendwann zu einer psychosomatischen Krise. Die kann sich schon bald nach der Erfahrung bemerkbar machen oder erst Jahre danach. In der Zwischenzeit hat man sich womöglich einen Namen als Guru gemacht. Oder man mutierte zum spirituellen Bestsellerautor. Aber es kommt irgendwann dieser Punkt im Leben, da die Erleuchtungspsychose zu anstrengend wird, weil sie zur permanenten Totalsublimation sämtlicher sinnlichen Regungen zwingt. Emotionen werden im heiligen Geschwafel überkompensiert, die Bedürfnisse des lebendigen Körpers dogmatisch sterilisiert. Man kleidet sich nur noch in Krankenhausweiss und lässt sich einen erleuchteten Vollbart wachsen oder rasiert sich als Frau den Schädel wie ein Mönch. Selten dass jemand bei all diesem theatralischen Aufwand doch noch die Kurve kriegt und seinen Selbstbetrug bemerkt. Ram Dass (Richard Alpert) war solch eine erfreuliche Ausnahme. Er konfrontierte seine Anhänger eines Tages mit dem Tabubruch, dass er eine Psychotherapie begann und damit den esoterischen Aberglauben widerlegte, dass die Erleuchtung auch automatisch neurotische Verstrickungen auflösen würde.

 

Die zweite Erleuchtung

 

Der einzige vorläufige Vorteil, den die erstmalig auftauchende Mystik für die Psyche hat, liegt in der intellektuellen Distanz zwischen neurotischen Emotionen und esoterisch aufgeblähtem Ego, wo vorher nur Depression oder sonstiger Psychostress herrschte. Aber es kommt irgendwann, wie gesagt, trotz dieser Distanz zu einer Krise, sofern es die Selbstehrlichkeit zulässt; denn die Fütterung des Egos mit Begriffen wie Leere, Licht und Liebe ist nur der Anfang der Meditation, während die wahre Erleuchtung erst durch das Loslassen von diesen Begriffen geschehen kann. Das Erwachen ist kein intellektuelles Problem, sondern wird durch das zwanghafte Festhalten am Intellekt selber verhindert, der sein neurotisches oder integrales Ich konstruiert. Schon Alan Watts hat darauf aufmerksam gemacht, dass das Zentrum des Bewusstseins kein Ich sondern ein Loch ist. Die Rückkehr des Egos in dieses tiefste, innerste Loch, diesen "blinden Fleck" der Selbstwahrnehmung, ist das eigentliche Wagnis der zweiten Erleuchtung, nachdem man sich wie ein vertrockneter Schwamm mit den heiligen Begriffen vollgesaugt hat und diese bis zum esoterischen Exzess zelebrierte.

 

Das egolose Bewusstseinsloch

 

Man stelle sich einen spirituellen Lehrer vor, der plötzlich aus seinem Satsangsessel aufsteht und ausruft: Hey Leute, vergesst diesen ganzen Meditationsquatsch! Es gibt weder Leere noch Liebe! Das sind lediglich Einbildungen Eures Egos, das alles loslassen möchte außer sich selbst! Ihr müsst Euch in Wahrheit vom Sprachzentrum befreien, um absolut wortlos von innen zu spüren, dass Ihr da seid. Leer von Begriffen und leer von der Sprache an sich. Ganz von innen. Auf Zellebene. Tiefenorganisch. Autoren wie Jed McKenna betonen den Irrtum, dass wir immer alles außen suchen. Das Ich kann nämlich nur Daten von außen sammeln. Weil das Ich selber nur außen vorhanden ist. In der Selbstreflektion. Wer sich dagegen von innen spürt, braucht dazu kein Ich, sondern wohnt in dem besagten unendlichen Loch des Bewusstseins. Hier fängt eine mystische Ebene an, die tatsächlich rein körperlich spürbar, die sinnlich erfahrbar ist. Ein "spiritueller Materialismus", wie er von manch einem wirklich weisen Autor schon häufig gefordert wurde.

 

Vakuum statt Quelle

 

Solange der Mensch in der Spiri-Psychose gefangen ist, trennt er das Universum in dualistische Gegensätze und spielt immerzu eine Seite gegen die andere aus. Weil sich sein depressives Ich so sehr wünscht, dass es einer göttlichen Quelle entspringen möge. Doch der Ozean hat keine Quelle, er ist selber die unendliche Leere. Wir schwimmen nicht in einem Energiemeer sondern schweben durch das unendliche Vakuum. Mystisch-materielles Vakuum. Ein Schock für das Ego, der wachrüttelt. Sofern wir uns von diesem Schock wirklich berühren lassen. Sofern wir aufwachen wollen anstatt nur Aufgewachte zu spielen...

 

 

 AUTOR: Tom de Toys, 2015
QUELLE: Erstveröffentlichung hier

FORTSETZUNG: www.neurosmog.de
Die Rechtschreibung wurde angepasst.



2012 hatte die neue Satsang-Bewegung ihren Zenit bereits überschritten. Aus Satsang wurde allmählich Satire, aus Erleuchtung wurde Erschöpfung: das spirituelle Burn-out machte sich breit. Umso leichter wurde es, sich in einen Guru zu verwandeln und Geld mit dem NICHTS zu verdienen...