SCHLUSS MIT DEN ILLUSIONEN

Intelligent zu sein ist genug

Vergiss die ganzen Dogmen! Aber nicht nur das: Vergiss die ganzen Religionen und Ideologien, die dir sagen, wie das gute, richtige Leben auszusehen hat. Vergiss das ganze Tralala von Spiritualität und Esoterik! Es genügt doch, ein bisschen intelligent zu sein. Nein, nicht so, wie der IQ-Test es verlangt, sondern wirklich intelligent: sozial, emotional, spirituell

So zu leben, dass es mir und den andern gut geht, das war mir schon immer das Wichtigste. Ich konnte mir kaum vorstellen und kann es bis heute kaum, dass es anderen Menschen anders geht. Jeder will doch für sich das Beste, für sich und sein eigenes Leben! Je nachdem wie eng er das mit anderen zusammenhängen sieht, umso mehr berücksichtigt er die anderen dabei. Wir Menschen unterscheiden uns vor allem darin, für wen wir uns und die anderen halten und in was für einer Welt wir uns wähnen; nicht darin, dass wir ein gutes Leben wollen. Ein gutes Leben führen, dazu imstande zu sein, das nenne ich Lebenskunst.

Gesamtentwurf

Künste gibt es viele, aber sie betreffen alle nur Teilbereiche. Handwerkskünste, Kochkünste, die Kunst etwas zu organisieren, zu schreiben, zu fotografieren, einen Computer zu programmieren, das ist alles nützlich und wertvoll, aber jeweils nur ein Teil. Sogar die Liebeskunst im engeren Sinne ist wunderbar Glück bringend, aber noch nicht das Ganze, denn alle diese Künste wollen eingebettet sein in einen Gesamtentwurf des eigenen Lebens, das wiederum eingebettet ist in kleinere und größere Umgebungen, mit denen es interagiert und die in diesen Entwurf einbezogen werden müssen. Als Schreibender bin ich geneigt, es mit einem Drehbuch zu vergleichen und zu sagen: Das Drehbuch des eigenen Lebens selbst zu schreiben, das ist es! Dies nicht anderen zu überlassen, darauf kommt es an. Sich als Held zu sehen auf dieser Reise zwischen Geburt und Tod, und zwar in der Hauptrolle. Egal wie narzisstisch oder primadonnenhaft die anderen auftreten: Ich bin die Hauptfigur meines eigenen Lebens; die anderen, das sind nur Nebenrollen. Für sich sind sie in der Hauptrolle; klar, völlig in Ordnung. Ich als Held meines eigenen Lebens unterstütze sie darin gerne (soweit ich für sie überhaupt »eine Rolle spiele«), aber für mich bin ich der Held. Für einen Architekten mag die Kindheit das Souterrain sein in seinem »Gebäude des Lebens« und das Alter das Dachgeschoss, für einen Musiker ist das Leben vielleicht eine Sinfonie oder Ballade, in der er ein Solo spielt oder Leadsänger ist. Für mich ist Lebenskunst die Fähigkeit, das Drehbuch meines Leben selbst zu schreiben - und zwar nicht ein für alle Mal, sondern immer wieder neu, und das so Konzipierte dann auch selbst aufzuführen.

We are connected

Gut zu leben, heißt das Gutes zu tun? Wer kommt dabei zuerst: ich oder die anderen? So überspitzt ist die ethische Frage, die nach dem guten Handeln, oft gestellt worden. Aber schon diese Frage irrt, denn sie geht davon aus, dass die anderen und ich trennbar sind. Wenn du dein Essen zubereitest, soll es für die Leber gut sein oder für das Herz? Wenn du Umweltpolitik machst, willst du sauberes Wasser oder saubere Luft? Natürlich beides: Ich kann nicht glücklich sein in einer unglücklichen Umgebung und umgekehrt. Abschotten? Geht nicht. We are connected.

Wer sich abschottet und etwas oder jemand Wichtiges nicht einbezieht, der verdrängt. Mit den Folgen der Verdrängung hat sich die Psychoanalyse ausgiebig beschäftigt, und diese Folgen sind nicht nur im Privatleben zu spüren, sondern auch überall im Sozialen und in der Weltpolitik. Lloyd de Maude hat das in seiner Psychopolitik etwas überspitzt aber grundsätzlich sehr überzeugend dargestellt. Wenn George W. Bush in seiner Seele etwas verdrängt, hat die ganze Welt darunter zu leiden. Ab auf die Couch oder runter von diesem mächtigen Stuhl, müsste man ihm sagen, und das gilt auch für viele andere Politiker.

Das Gute und das Böse

Lebenskunst, Ethik, Politik und Wirtschaft betrachte ich als Eines. Konflikte gibt es in diesem Bereich nur zwischen Verhaltensoptionen, sobald ich deren gewahr bin, nicht zwischen Gut und Böse. Als Lebenskünstler mich falsch entscheiden kann ich nur, wenn ich zu wenig weiß, unachtsam bin oder verdränge. Gut entscheiden werde ich mich, wenn ich meine Eingebundenheit kenne und aufgrund dieser schier unendlich komplexen Bezogenheit ausreichend intuitiv vorgehe, denn die Logik scheitert bei solcher Komplexität. Logisch entscheidbare Prinzipienfragen gibt es auch, aber sie sind nur selten nützlich und nie ausreichend genau und sachgerecht. Das Gute und das Böse, das sind keine religiösen oder philosophischen Prinzipien, sondern literarische. Man braucht sie für Romane und Spielfilme; auf jeden Fall für die Seifenopern vor dem Abendprogramm - sie machen mich und meine Geschichten interessanter. Einer genauen Betrachtung aber halten sie nicht stand.

Marc Aurel, der Philosophenkaiser

Der Begriff der Lebenskunst stammt aus der europäischen Antike und war ein zentrales Thema in der griechischen Philosophie, später auch bei den Römern, als ars vitae oder ars vivendi. Der römische Kaiser Marc Aurel (121 - 180 n.u.Z.) etwa machte sich auch als mächtiger Politiker tiefe Gedanken über die menschliche Natur und das richtige Handeln. Man findet sie in seinem Selbstbetrachtungen, die er als Krieg führender Feldherr in seinem letzten Lebensjahrzehnt verfasste. Marc Aurel wusste, dass man mit dem guten Leben bei sich selbst anfangen muss: »Es kommt nicht darauf an, über die notwendigen Eigenschaften eines guten Mannes dich zu besprechen - vielmehr ein solcher zu sein.« - »Rührt ein Übel von dir selbst her, warum tust du's? Kommt es von einem andern, wem machst du Vorwürfe? Etwa den Atomen oder den Göttern? Beides ist unsinnig. Hier ist niemand anzuklagen. Denn, kannst du, so bessere den Urheber; kannst du das aber nicht, so bessere wenigstens die Sache selbst; kannst du aber auch das nicht, wozu frommt dir das Anklagen? Denn ohne Zweck soll man nichts tun.« Und er war belehrbar und offen für Kritik: »Kann mir jemand überzeugend dartun, dass ich nicht richtig urteile oder verfahre, so will ich's mit Freuden anders machen. Suche ich ja nur die Wahrheit, sie, von der niemand je Schaden erlitten hat. Wohl aber erleidet derjenige Schaden, der auf seinem Irrtum und auf seiner Unwissenheit beharrt.« Und er wusste, das kein Mensch eine Insel ist: »Die Menschen sind füreinander da. Also belehre oder dulde sie." Sogar das positive Denken findet man schon bei ihm: »Willst du dir ein Vergnügen machen, so betrachte die Vorzüge deiner Zeitgenossen, so die Tatkraft des einen, die Bescheidenheit des andern, die Freigebigkeit eines Dritten und so an einem Vierten wieder eine andere Tugend. Denn nichts erfreut so sehr wie die Muster der Tugenden, die aus den Handlungen unserer Zeitgenossen uns in reicher Fülle in die Augen fallen. Darum habe sie auch stets vor Augen.« (Alle Zitate aus der Übersetzung von Albert Wittstock, Stuttgart 1949)

Mäßigung

Für die Philosophen der Antike, insbesondere Aristoteles, war die Mäßigung, das Maßhalten oder Finden der richtigen Mitte die wichtigste der Tugenden. Was das positive Denken und das Bewerten angeht, wäre Otto Normalesoteriker von heute gut beraten, sich einiges davon zu Herzen zu nehmen. Bei den seit Bärbel Mohrs Bestseller so beliebten "Bestellungen ans Universum« etwa wird in spirituellen Kreisen davon ausgegangen, dass ein Wunsch, wenn er nur auf die richtige Weise formuliert und verfolgt wird, sich dann auch erfüllt. Tut er das nicht, hast du nicht richtig bestellt und musst eben noch besser werden in der Kunst des Wünschens. Wenn du arm bist oder krank oder den Job oder Partner nicht bekommst, den du dir wünschst, dann bist du eben selbst schuld. Es muss an deinen Wünschen liegen, an dir selbst! Damit Schuldgefühle über solches Versagen gar nicht erst aufkommen, blenden wir per selektiver Wahrnehmung dem widersprechende Erfahrungen aus und strahlen dann bei der Parkplatzsuche, die so oft für den Beweis herhalten muss, dass das Wünschen funktioniert: Bei mir klappt das immer!

Reife Bewertung

Ganz ähnlich beim Bewerten. Für Eva Normaleso ist es nicht gut, etwas oder jemanden zu bewerten. Man überbietet sich geradezu damit, alles wertfrei zu sehen und mit dieser oder jener Aussage auf keinen Fall bewerten zu wollen. Dabei ist jede Lebenskunst doch wesentlich auf gute Bewertungen angewiesen. Immer müssen wir uns zwischen Optionen entscheiden und tun das auch. Alle tun es; auch die, die es leugnen, und sie bewerten dabei. Die Abscheu gegen Bewertungen in der spirituellen Szene kommt mir manchmal vor wie die einstige Abscheu des europäischen Bürgertums gegen Sex. Man tut es, aber man versteckt es und rümpft die Nase über die anderen, die "es" tun. Dabei ist es doch an allen Ecken und Enden zu sehen! Wo kommen denn die kleinen Kinder her? Wo kommen all die Entscheidungen her, die jeder Mensch tagtäglich tausendfach trifft? Jeder Entscheidung geht eine Bewertung voraus. Auch hier ist die antike Tugend der Mäßigung gut. Immer alles zu bewerten und vor allem, bevor man damit eigene Erfahrungen gemacht hat - das ist dumm. Gar nicht mehr zu bewerten aber ist mindestens ebenso dumm. Das nicht Urteilende der mystischen Sicht und der bedingungslosen Liebe - ja, das ist gut. Im Alltag aber braucht es Entscheidungen, und denen geht immer eine Bewertung voraus. Darin gut zu sein, und das heißt: frei, reif, unvoreingenommen und ausgewogen, das ist für einen Lebenskünstler wesentlich.

Lebenskünstler

Unter Lebenskünstler stellt man sich gerne einen Bohemien vor, einen Hedonisten, der es vor allem sich selbst gut gehen lässt. Die Urteile anderer sind ihm schnuppe. Er kommt mit wenig Geld aus, hat viel Zeit, sitzt in Cafés herum und diskutiert über die Schönheit der Kunst oder den Wahnsinn in Politik und Wirtschaft. Er denkt ein bisschen anarchistisch und übernimmt nicht gerne Verantwortung für andere Menschen, geschweige denn anspruchsvolle Projekte. Beruflich ist er Künstler oder hat geerbt; sich an die Gesellschaft anpassen, das mag er nicht. Auch wenn ich viel Sympathie für einen solchen Lebensstil habe, meine ich hier mit Lebenskunst und Lebenskünstler nicht dieses Gegenbild des Spießers, sondern eine Art zu leben, die sich keinem politischen oder religiösen Dogma verpflichtet, sondern stattdessen schlicht intelligent zu sein versucht. Mit dem IQ, den man nachweisen muss, um die Aufnahmeprüfung für eine Schule oder Universität zu bestehen, hat das nicht viel zu tun. Diese Art von Intelligenz meine ich hier nicht, sondern das Erkennen der eigenen Bedürfnisse und ihre weise Umsetzung. Weise, das soll hier heißen: im Bewusstsein des Kontextes, in dem ich stehe. Das Ganze berücksichtigend, meine Bezogenheit und Interdependenz. Insbesondere das Wissen oder besser noch: das Gespür dafür, dass es kaum möglich ist, glücklich zu sein in einer unglücklichen Umgebung.

Regenwürmer

»Dichter sind für die Sprachnorm, was die Regenwürmer für den Boden: Sie lockern das Plattgedrückte«, schrieb Rudolf Walter im Züricher Tagesanzeiger kürzlich über den Schweizer Dichter Urs Widmer und zitiert dort Urs selbst: »Ein geglücktes Schreiben hat etwas, das über dich als plumpen Menschen hinausreicht. Es ist beinahe so, als würde eine Instanz durch dich hindurchschreiben«. Solche Zartheit im Umgang mit der Transzendenz, mit dem ganz anderen, dem Religiösen, die brauchen wir auch in der Szene, die sich so stolz die spirituelle nennt; oder neuerdings etwas breiter die kulturell Kreativen. Solche Regenwürmer, die das Plattgedrückte wieder auflockern, die brauchen wir auch unter uns, so dass wir so tausendfach achtlos dahingeworfene Worte wie Herz, Gott, Geheimnis oder Energie wieder verwenden können, ohne uns dafür schämen zu müssen; oder auch den alten Begriff »Natur« oder das unsägliche, von der Advaita-Szene so massenhaft missbrauchte »Sein«.

Götzen, Engel, Götter und Idole

Tiefe, das wäre doch ein gutes Synonym für Gott, las ich neulich. Lassen wir das Wort Gott lieber weg. Schon das Alte Testament hat vor diesem Missbrauch gewarnt. Es hat nur kaum einer darauf gehört. Dann hat der Islam die Bilder verboten, um solche Idolatrie zu vermeiden, dafür aber mit einem Buch denselben Missbrauch betrieben: Nun werden dort Worte verehrt und zugleich der handwerkliche Gegenstand dieses Buches selbst; das ist doch kein bisschen besser als Bilderverehrung. Wir haben unsere Altäre, Idole, Fetische, Götter und Götzen auch heute noch. Ob das nun ein Fußballverein oder eine Turnschuhmarke ist, der Bergkristall auf dem Zimmeraltar oder das Bild von Krishna, Kali oder der Madonna an der Wand, das ist doch fast egal. Anbetung ist Anbetung. Hoffentlich ist es wenigstens etwas Gutes, was da angebetet wird. Engel, gibt es sie oder gibt es sie nicht? Es ist wie mit Gott: Man kann nicht auf platte Art darüber reden. Oder wie mit der String-Theorie in der Physik, diese große, seit Jahrzehnten führende Theorie in der Physik, die doch die Relativitätstheorie und die Quantenmechanik endlich vereinigen sollte: Sie sei nicht einmal falsch, sagen rebellierende Physiker heute voller Verachtung von ihr. Engel sind die Personifizierung von Wünschen und Befürchtungen, so wie die Götter der Antike, die Devas in Indien, die Jinn im Islam, die Geister in den animistischen Religionen oder auch die verstorbenen Heiligen (Heilige sind leider immer verstorben...) im Katholizismus. Es gibt sie oder es gibt sie nicht, völlig egal. In unserer Vorstellung gibt es sie, in unserem emotionalen Raum. So wie Gott und auch die so grundlegende Illusion des Ich: Das sind Konstruktionen, die wir brauchen oder uns jedenfalls wünschen, um mit der kalten, abstrakten Welt, wie die Wissenschaften sie uns beschreiben, auf persönlichere, menschlich wärmere Art umgehen zu können.

Trampelpfade

Nichts ahnend und in dumpfer Unbewusstheit trampeln Millionen sich religiös oder spirituell fortgeschritten Wähnender über die Feinheiten der tatsächlichen menschlichen Regungen hinweg. Begriffe wie »Gott« und »Liebe«, die doch so kostbar sind, verwenden wir dabei einfach auf alles und zerstören damit ganze Wahrnehmungsfelder; hinterlassen verbrannte Erde für die Neuen, Neugierigen, die gerade erst beginnen, sich für die mystische Wahrnehmung zu öffnen. Wer heute diese spirituellen Allerweltsworte in den Mund nimmt, macht sich geradezu der Bigotterie und Frömmelei verdächtig. Auch ich verwende sie und manchmal ganz unbewusst. Dann bin auch ich einer dieser Auerochsen auf den Trampelpfaden der Eingebildeten, deren Massen sich dahinwälzen im Strom der "neuen Religiosität". Manchmal aus Gutherzigkeit (oh je, noch so ein Wort!), weil ich andere nicht verletzen will oder mich einschmeicheln möchte in ihren Jargon, um nicht aufzufallen, um als einer der ihren zu gelten. Aber ich bin nicht wirklich einer der ihren. In der Tiefe bin ich ein anderer - wie übrigens wir alle. »Eigentlich sind wir ganz anders, wir kommen nur so selten dazu« (Ödön von Horvath). Wie schade! Lasst uns deshalb noch heute beginnen so zu sein, wie wir eigentlich sind: echt, direkt, authentisch, wahrhaftig. Lasst uns mit dem Jargon aufhören und mit dem Abkupfern von Formen, die für irgendwen einmal echt und wahrhaftig waren, die aber ihren Sinn verlieren, sobald sie kolportiert werden. Lasst uns wieder echt werden!

Alte und neue Gefängnisse

Wenn mir jemand sagt »Ich bin Jungfrau, Aszendent Wassermann«, und sie glaubt das wirklich, dann ist sie das. Das ist dann eine dieser viel gepriesenen »selbst erschaffenen Realitäten«. Eine Behausung, eine Heimat - für eine Weile. Bis auch das durchschaut ist in seiner Künstlichkeit. Eine solche neue Identität ist ja nicht an sich besser als die uns in der Kindheit von gut- oder schlechtmeinenden Angehörigen und Lehrern verpasste. Sie ist nur anders, und diese Andersartigkeit kann die Lücke zwischen diesen beiden Identitäten sichtbar machen: In ihr blinzelte die Freiheit, die Transzendenz, die Wahrheit uns zu, nicht in der neuen Identität. Esoteriker sind nicht weiser als normal Verblendete, sie sind nur in einem neuen Wahnsystem gefangen, das sie - wie sollte es auch anders sein - für besser halten. Die neue, esoterische oder sonstwie religiöse Identität (bei Konversionen zu den Religionen ist das ja nichts anderes) ist nun ein neues Gefängnis, in dem wir uns erst mal einrichten und ein bisschen wohler fühlen als in dem alten. Dann ziehen wir vielleicht eine Tarotkarte oder Engelkarte zur Tagesenergie und glauben dann, dass das auch wirklich die Energie des Tages ist und nicht nur die der Karte, die ich gerade gezogen habe. Die Wirkung davon kann durchaus gut sein. Bei den Engelkarten ist das gewiss der Fall; sie sind so liebevoll und süß formuliert. Die alten Tarotkarten sind da schon ein bisschen vielschichtiger und polaritätsbewusster. Wir brauchen Identitäten. Keiner kann ohne Heimat sein, ich weiß. Aber es ist gut zu wissen, dass jede neue Identität nicht nur eine faszinierende neue Chance, sondern auch ein neues Gefängnis ist, wie groß das Heimatgefühl dabei auch immer sein mag.

Die Kunst der Verdrängung

Wenn ich in Eso-Zeitschriften blättere oder, etwa auf einer Esoterikmesse, in diesen zahllosen frommen, Heilung propagierenden Broschüren, dann überkommt mich leicht ein gewisses Unwohlsein über die menschliche Bestimmung. Manchmal, bei Überdosierung dieses Stoffs, auch Ekel oder Wut. Erst wenn ich mir dann sage: Diese Leute verwenden Sprache einfach anders als ich; sie wollen damit keine Wahrheiten aussprechen, sondern sie wollen sich damit trösten und beruhigen - erst dann beruhige auch ich mich wieder. Beruhige dich! Nimm auch du ein bisschen Johanniskraut! Dies ist einfach eine Sprachanwendung, die nicht die von dir favorisierte ist! Diese Leute meinen es gut; sie wenden einfach die Sprache auf eine andere Weise an, die ebenso legitim ist. Sie verdrängen vieles damit - na und? Wenn Esos auf Tageszeitungen und Fernseher verzichten und von den politischen Nachrichten nichts mehr wissen wollen, außer vielleicht von einer Fußball-WM oder der Klimakatastrophe oder wenn mal wieder ein Tsunami kommt - ist das nicht legitim? Wenn sie dann allerdings sagen, »es ist wahr«, dass Gott die Welt in sieben Tagen erschaffen hat, dass es den Kontinent Lemuria gab oder dass wir alle unsere Erfahrungen selbst erschaffen, dann werde ich fuchsig und protestiere. Auch wenn euch das vielleicht tröstet: Es ist nicht wahr. Nicht in dem Sinne jedenfalls wie die Aussage, dass heute die Sonne scheint und mein Haus in der Hauptstraße Nr. 5 steht.

Reality Check

Verdrängungen können gut sein. Sie können schützen und beruhigen. Aber auch das Aufdecken von Verdrängungen und das Durchschauen von Illusionen kann gut sein und zu einem ganz neuen, freieren und leichteren Leben führen. Deshalb möchte ich jetzt noch ein paar ganz praktische Fragen stellen: Was ist wirklich wichtig im Leben? Und wie hast du als Lebenskünstler dieses wichtigste deiner Kunstwerke, dein eigenes Leben, hingekriegt? Hier will ich als erstes die Beziehungen und Freundschaften nennen. Das kann deine Familie oder Wahlfamilie sein. Vielleicht gibt es einen wichtigsten Partner, Kinder, Eltern und dann alle die Beziehungen, die dir sonst noch wichtig sind. Wer sind diese Menschen, und bist du mit dieser Konstellation, mit diesem deinem Werk, zufrieden? Zweitens deine Tätigkeit: beruflich, künstlerisch, gestalterisch. Womit verdienst du deinen Lebensunterhalt, dein Geld? Hast du eine Berufung gefunden, oder nur einen Beruf, einen Job? Wo kannst du dich kreativ ausdrücken, du selbst sein? Reicht dir das? Drittens: deine Wohnung und geografische Heimat, dein Standort. Wie lebst du da? Bist du dort gut eingerichtet, fühlst du ich in diesem Haus und dieser Gegend wohl? Viertens: deine Ernährung und tägliche Bewegung. Was für Süchte binden dich? Wie steht es um deine Gesundheit? In allen vieren dieser Bereiche können wir sehr viel selbst entscheiden, sie sind von uns gestaltbar - heutzutage. Vor zwei, drei Generationen war das noch anders. Wer sich in zweien dieser Bereiche wohl fühlt, ist schon recht gut dran. Den Reality Check, wie es damit steht, sollte man ab und zu machen. Wer in keinem der vier Bereiche seine eigene Situation positiv bewertet, der hat einige Herausforderungen zu konfrontieren, wie man das heute so schön oder eher: beschönigend - nennt. Wenn du in allen vier Bereichen glücklich bist, dann bist du wirklich gut dran: Bitte gib uns deine Telefonnummer, da ist ein Artikel für die nächste connection fällig! Das meine ich mit Intelligenz: In diesen vier Bereichen die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Ein erotisches Lebensfühl

Ein erotisches Lebensgefühl, auch das gehört für mich zur Lebenskunst. Und das heißt für mich nicht, ständig geil zu sein. Das wäre viel zu anstrengend oder frustrierend. Sondern das Gefühl lebendig zu sein, offen, wissbegierig, berührbar, verletzbar, in Kontakt mit der eigenen Sehnsucht und Unvollständigkeit. So ein Gefühl, das man hat, wenn im Februar die Luft nach Frühling riecht, so wie heute. Die Vögel reden schon davon, die Erde weiß es, auch wenn der Frühling noch nicht da ist, sondern erst nur eine Ahnung und Vorfreude. Aber auch die Melancholie des Herbstes ist erotisch. Einen warmen Septemberabend in den Armen wiegen, sich in die Dämmerung fallen lassen. Durch den Garten gehen oder einen Hausflur entlang in der schieren Freude gehen zu können, so als würde man tanzen. Sehen können, hören, die Haut spüren, die eigenen Füße. Lebendig sein, das ist erotisch. Dieses Lebensgefühl immer wieder in mir aufzuwecken, auch das empfinde ich als Lebenskunst. Und ich weiß, dass ich das auch noch kann, wenn ich 70 bin. Auch dann gibt es noch Frühling und Herbst, Morgende und Abende, gutes Essen, Düfte und den Atem der Freiheit.


AUTOR: Wolf Schneider
QUELLE: www.connection.de (Archiv)



2012 hatte die neue Satsang-Bewegung ihren Zenit bereits überschritten. Aus Satsang wurde allmählich Satire, aus Erleuchtung wurde Erschöpfung: das spirituelle Burn-out machte sich breit. Umso leichter wurde es, sich in einen Guru zu verwandeln und Geld mit dem NICHTS zu verdienen...