IN SICH HINAUS GEGANGEN

 

Ich wurde wach, inmitten der Nacht, und stand auf. Während ich durch den langen Korridor unserer Wohnung ging, bemerkte ich, dass ich mich nicht durch die Wohnung, sondern durch mich selber bewegte. Am nächsten Morgen schrieb ich in meinen elektronischen Kalender folgende Worte:
"In dieser Nacht wurde ich wach mit dem Bewusstsein, dass nichts wirklich existiert. Zunächst war ich ängstlich, aber dann – heute morgen – ist es wie eine Befreiung vom Leid des Denkens."
Ich will jetzt meine Gedanken ändern, will sie einordnen und weiß nicht einmal, ob es überhaupt meine Gedanken sind, die ich da denke. Ich möchte gerne glauben, dass es meine Gedanken wären, die ja so wertvollen Gedanken, die doch so viel zu sagen wissen. Ja, ich nehme mich wichtig, aber auch das ist lediglich Gedanke, und zwar jener, von dem ich keinesfalls weiß, zu wem oder was er gehört.
Kann ich die Gedanken einfach auf sich selber wirken lassen, ihnen weniger Aufmerksamkeit schenken, ohne sie gleich abweisen zu müssen? Vielleicht ist oder wird es möglich, ich weiß es nicht genau. Ich werde sowieso immer nur das wissen, was mit dem Verstand zusammenhängt und daher nur Wissen innerhalb des Verstandes bleibt.
Es ist alles lediglich eine endlose Beschäftigung mit dem Nicht-Verstehen dessen, was abläuft. Kann sein, ich täusche mich. Ich werde nicht in Verzweiflung darüber enden, weil ich wissen will und doch nicht verstehe. Da ist einfach ein Wissen, nichts zu wissen - und das schon seit der Kindheit. Ja, ich habe schon als Kind von diesem Nicht-Wissen gewusst – so paradox das auch klingt – doch war da niemals ein Verstehen gegenwärtig. Was also soll all die Fragerei? Was soll ich anfangen mit dem Wissen, nichts zu wissen? Und wer überhaupt kann es haben? Also ertappe ich mich wieder und wieder dabei, diese unsinnigen Fragen zu stellen und auch noch aufzuschreiben. Was versuche ich damit bloß zu erreichen? Ist es einfach die Faszination, der Wahrheit doch niemals auf die Spur kommen zu können? Wieso eigentlich gibt es immer wieder den Begriff der Wahrheit, ist er etwa mit "Wirklichkeit" nicht angemessen übersetzt? Ich meine die Wirklichkeit, die jetzt stattfindet, braucht doch niemals so etwas wie die Wahrheit. Wahrheit scheint mir ein Begriff zu sein, der auf etwas hinweisen will, auf etwas, das hinter all den Dingen steht, was den Dingen und Geschehnissen sozusagen eine Seinsberechtigung geben will – welch ein Unsinn. Wahrheit kann nur sein, was ist, und das Einzige, was ist, ist Wirklichkeit. Alles, was über diese Wirklichkeit hinausgeht, ist Spekulation des Verstandes. Somit scheinen mir Wahrheit und Wirklichkeit ein und dasselbe zu sein.
Es gibt eine Wirkung dessen, was ist. Jedoch ist es keine Wirkung, der eine Ursache vorausgegangen wäre, es ist einfach nur diese Wirkung. Das, was hinter dieser Wirkung steht, das was die Essenz ist, ist selber diese Wirkung. Es ist das, was ich, du, er, sie, es, ihr ist, bin, bist, seid.
In dem zu sein, einfach nicht woanders sein zu können, das ist es. Dies zu erkennen bedeutet, es zu sein. Man möchte meinen, es noch intensiver sein zu können, doch es geht nicht mehr. Nichts geht mehr, du kannst dem nichts hinzufügen. Du möchtest es manchmal, weil du so voller Freude über das Leben bist. Weil du so tief in dir spürst, dass es DAS ist und immer war. In jedem Schmetterling, der sich auf eine Apfelblüte setzt, ebenso wie das schmierige Öl, das von der Wand tropft, welches  jemand vergessen hat abzuwischen. Das niedrigste Tal ist der höchste Gipfel, das Einsame wird offen und laut, niemand kann seine Ruhe stören. Niemand da, der stört. Wenn du erkennst, wie alles das EINE ist, auch wenn es nicht ein Ding ist, dann besteht Freiheit nicht mehr darin, es anderen recht zu machen, noch andere zu begrenzen oder zu beurteilen – ein Urteilen wird zu einem unmöglichen Unternehmen und lächerlich. Und doch: sich lächerlich zu machen wird zum höchsten Glück, ebenso wie einen Sieg zu erringen. Was für einen Unterschied kann ich finden? Wie sollte ich je fähig sein, das da abzuweisen und mich komplexen Gedanken über das Leben hinzugeben? Nichts davon ist mehr wahr, alles verliert seine Bedeutung und hat sich von dem, was DU zu sein schienst, verabschiedet. Es ist ein Abschied für immer, einer, der nicht bereut wird. Wohin könnte ich es schon verabschieden? An welchen Ort könnte es gehen? Es gibt keinen anderen Ort als diesen hier. Aber nicht mal dieser hier ist in Wirklichkeit ein Ort. Ein Ort setzt einen zweiten, einen davon verschiedenen voraus. Doch wo sollte ein solcher anderer Ort existieren?
Wir können dem Sein nicht die Lektionen vorschreiben, die es vergibt. Keine davon ist persönlicher Natur. Es gibt nichts Persönliches, sondern nur die ewige in sich selbst vollendete Stille des Gewahrseins. Dies ist es selbst, was Buddha oder Gott, Höchste Wahrheit, Erleuchtung oder der Eine Geist ist. Alles ist in sich selber enthalten und besteht ohne jegliche Lokalisation oder Substanz. Es ist in einem Tautropfen, als Sonnenuntergang befindet es sich in einer Pfütze, oder lässt den Motor eines Autos aufheulen.
...die Ruhe in einem Kloster ist lauter als die 6th Avenue in New York. Der Vogel lernt gerade erst fliegen und die Kuh gibt keine Milch. Gebäude stürzen ein, bevor sie gebaut werden, der Rasenmäher wird vom Gras gemäht und der Gärtner lässt den Rasen stehen, bevor er zu lang wird. Jeder Text entbehrt der Sprache, die er auszudrücken beabsichtigt. Alle Reime kehren in den Nicht-Laut zurück. Niemals wurde ein Wort gesprochen, noch hat jemals einer aufgehört zu reden. Die Klänge gehen hinaus in die Stille, um sich in ihr aufzulösen, aus der sie einst kamen.
Diese Gedanken scheinen jeder Logik zu entbehren. Logik ist nur im Verstand und alles, was vom Verstand beschrieben, erforscht und erkannt werden kann, ist der Verstand. Das Sein liegt jenseits davon, und dennoch liegt  es genau vor unseren Füssen und lächelt uns zu. Der Verstand liebt das Statische, das Unbewegliche, obwohl er selber den ganzen Tag beschäftigt ist mit Tun, Ausdenken und Planen. Ja, er plant den Stillstand, plant das Ende des Leidens, will das vollkommene Glück – und das möglichst für immer. Das ist das Paradoxe: der Verstand ist ständig in Bewegung und will andererseits Sicherheit, Verlässlichkeit und Stillstand. Er verbindet mit diesen Eigenschaften einen ewig währenden, sicheren Zustand – wie paradox. Er will die Ewigkeit für den Körper, will, dass der Körper hundert und mehr Jahre alt wird. Doch alt sein will er nicht. In dem Wunsch, ewig hier zu sein, verbirgt sich paradoxerweise die Sehnsucht nach dem Höchsten, dem Wahren, oder – wenn man so will – nach Gott. Der Verstand glaubt, dass Gott ebenfalls, so wie er selber, das perfekte Bild von Ewigkeit im Körper oder in sonst einem Ding sei. Wenn also alles so gemacht wird, dass die Dinge von Dauer sind, dann glaubt der Verstand, er habe sich dem Göttlichen etwas genähert. Doch falsch: Gott ist eben genau das Gegenteil, oder besser gesagt, jenseits von Beidem. Gott ist eben dieses (für den Verstand) Vergängliche, dass immer in Veränderung Befindliche. Und darin ist ER ewig, unendlich und unsterblich, niemals geboren oder gestorben. Und genau das bist DU SELBST. Das ist das einzige Selbst, das du bist, alle anderen so genannten Selbste sind Erfindungen des Verstandes.
Alles im Leben befindet sich in ständigem Auflösen, nichts wird jemals fertig gestellt, noch hat jemals etwas begonnen. Es hat niemals seine fertige Form gegeben, und keine ist das Resultat von irgendeiner Ursache. Das zu wissen, wirklich, wirklich, wirklich zu wissen, ist das unendliche Verstehen. Dieses Verstehen ist jedoch niemals persönlich. Die Wirklichkeit wird vom Persönlichen nicht berührt, sie kann ohne das Persönliche auskommen.
Der Begriff Erleuchtung wird immer wieder vom Persönlichen abgekoppelt, weil es niemanden mehr geben könne, wenn Erleuchtung eingetreten ist. Doch scheint mir der Begriff immer noch auf etwas hinzuweisen, was an eine Person gebunden ist. Fragen wir uns, ob das Wahre, die Höchste Wirklichkeit, so etwas wie Erleuchtung braucht. Wenn das Verstehen eingetreten ist, bedeutet es, dass nur noch Wahrheit anwesend ist. Und dies war schon immer der Fall, nur mit dem Unterschied des Verstehens. Wenn ich das Verstehen also Erleuchtung nenne, dann scheint Erleuchtung immer auf eine Person zuzutreffen. Nur, dass sie sich nicht mehr als Person identifiziert – es wird erkannt, dass eine Person eine Fiktion im Verstand ist – ohne diese gäbe es den Begriff "Erleuchtung" gar nicht.

 


Autor: Jay Rar, 2016

Originalquelle: facebook.com/Zerospace