"Der echte innere Zeuge ist niemand, er ist reine Beobachtung dessen, was geschieht."
Wolf Schneider, KLEINES LEXIKON ESOTERISCHER IRRTÜMER (2008)

 

"Damit das Erkennen vollständig ist, muß es distanziert, desinteressiert, wunschlos, unmotiviert sein. Nur so können wir das Objekt in seinem eigenen Wesen mit seinen eigenen objektiven, inneren Eigenschaften wahrnehmen, ohne es unter dem Gesichtspunkt zu abstrahieren, 'was nützlich ist', 'was bedrohlich ist' usw. Je mehr wir die Umwelt zu meistern oder in ihr wirksam zu sein versuchen, desto stärker beschneiden wir die Möglichkeit des vollen, objektiven, distanzierten, nichtinterferierenden Erkennens. Nur wenn wir es sein lassen, können wir voll wahrnehmen."
Abraham Maslow, PSYCHOLOGIE DES SEINS (1968)

 

"Klar – das nonduale Bewusstsein ist von Trauma, Krankheit, Schmerz, Verletzung und überhaupt allen Erlebnissen unberührt und braucht weder Heilung noch Erleuchtung. Aber mal ehrlich, wer von uns ruht denn permanent mit der Aufmerksamkeit in diesem Raum und erfährt keine Identifikationen mehr mit dem Erlebten? Da kenne ich niemanden. Keiner der Satsang-Lehrer, Heiler oder Lamas, denen ich begegnet bin – und das waren viele –, war frei vom Reagieren auf Auslöser. (...) Das soll nicht heißen, dass es keinen Menschen gäbe, bei dem nichts mehr ausgelöst wird, das Kampf-, Flucht- oder Erstarrungsreaktionen zur Folge hat. Ich kenne jedoch keinen, der permanent mit der Aufmerksamkeit in der Essenz ruht."
Gaia Michael Zipf, SOMATIC EXPERIENCE (connection spirit 1-2/2015)

 

"Die anziehung der erde wertschätZEN. Keiner angst folgen. Wie durch geheime zauberkraft ein bein nach dem anderen in ihre eigene richtung bewegen. Bewegt werden von einer größeren URRUHE, die sich selbst in den körpern bewegt. Keinen plan haben. Und keinerlei ängste. Weder verkrampfung noch sicherheit. Voller freude der nächsten überraschung entgegen gehen. Normalzustand FRIEDEN. Ganz ankommen. Mich angekommen fühlen. angenOMmen. Im tempel der seele. Im körper. Im leeren leib. Erlaubt. Das jetzt sehen. Die seele spüren. Den körper wie eine leere form mit meinem geist ausfüllen. Die haut denken. Den atem. Den geist zur beobachtung nutzen. (...) Ich bewege den glühenden Leib wie von selbst und genieße den Zauber der endlosen Verwandlung. Ich nehme kein LSD, ich bin nicht auf Trip! Ich ERKENNE ganz einfach den höchsten Zustand als stinkparanormales "ICH BIN". Nichts weiter zählt. Nur die Bewegung ist wirklich. Kein Name hält stand. Nur als solch namenlos freier Mensch bin ich ganz DA und DA und DA und UND."
Tom de Toys, MEHR JETZT (2014)

 

 

NAMENFINDUNG & NAMENFREIHEIT

(GEGEN DIE IDENTIFIKATIONSNEUROSE)

 

Ich habe ein neues, merkwürdiges problem mit der welt: ich kann mich mit nichts mehr identifizieren. Ich habe wohlgemerkt kein problem mit dem leben an sich, ganz im gegenteil: mein problem mit der welt begann erst dadurch, daß ich anfing, mich ganz und gar von innen zu spüren, wo niemand mehr wohnt, keine person und kein wahres selbst. Mit dieser selbstbefreiten seinsfühlung begann das desaster. Ich kann mich nun mit nichts identifizieren, weil ich nichts brauche, um mich identisch zu fühlen mit irgendwas, als ob ich erst dann existent wäre, wenn mich ein nennbares objekt auszeichnet. Ich brauche kein kennzeichen, kein persönliches erkennungszeichen, kein externes objekt, dem ich mein ich ansehe. Ich weiß, daß ich da bin, weil ich es spüre, ebenso wie alles andere ebenfalls da ist. Nichts (miß)braucht sich mehr gegenseitig als beweis für die eigene existenz, alles ruht in sich selbst ohne selbst. Das ist anscheinend die schlechteste voraussetzung, um im gesellschaftsspiel mitzuspielen, denn die wichtigste, ja, die einzige regel, die diese welt beherrscht, lautet "IDENTIFIZIER DICH!" im sinne von: infizier dich mit irgendwas! Jeder normale erwachsene identifiziert sich mit seinem namen, seinem beruf und seinen hobbys. Er ist durch die erziehung, die eltern und schulen, total infiziert von dem identifikationsvirus. Wenn jemand dich fragt, was du machst, fragt er dich automatisch, wer du bist. Würdest du antworten, "nichts", wäre das gleichbedeutend damit, daß es dich nicht gibt. Machen bedeutet zu sein, sein ohne zu machen, ist undenkbar, unvorstellbar. Und genau das ist mir widerfahren: ich tue nichts mehr, um zu sein. Das undenkbare hat mein denken erobert, das unvorstellbare hat sich eingestellt. Ich BIN endlich, ohne mich als etwas ausweisen zu können. Ich spüre mich in meiner anwesenheit, ohne dafür etwas zu tun. Ich ruhe tatsächlich in mir, indem ich atme und meine gliedmaßen bewege. Ich spüre all meine sinne. Ich empfinde den körper als existent, ohne sagen zu können, was existenz ist. Existenz IST einfach, sie spürt sich selbst, sie ist ihr selbstbeweis! Jedes atom IST einfach atom, jeder mensch IST einfach mensch, jede galaxie IST einfach galaxie. Alles hat mehr oder weniger selbstbewußtsein als das, was es ist. Nur der mensch hat irgendwann angefangen, das pure gewahrsein seiner existenz nicht mehr zu ertragen, sondern mit allen möglichen attributen auszuschmücken, um sich namen zu geben. Die namenfindung als waffe gegen die große namenlosigkeit des seins an sich. Alles erhielt einen namen, sogar das sein selber: gott, energie, licht, nichts, alles. Die unerträglichkeit der namenlosigkeit führte zum zustand der welt, wie wir sie heute erleben: ein einziges identifikationsspektakel! Wer in diesem spektakel zu seiner innersten, tiefenentspannten namenlosigkeit aufwacht, sieht sich umgeben von einer fast unentrinnbaren, zwanghaft manischen hektik, die alles beim namen nennt, um es kommunizierbar zu machen. Kommunikation ohne kennzeichen ist unmöglich geworden. Wer keinen namen hat, kommuniziert nicht und existiert dementsprechend nicht auf dem spielfeld. Und da es kein außerhalb des spielfeldes gibt, steckt jeder namenlose automatisch in einer gefährlichen zwickmühle. Ich tue daher alles mögliche, um mir einen neuen namen zu geben, damit man mich beim namen rufen kann. Aber ich finde schlichtweg keinen einzigen namen, der tief in der seele genau zu mir passt, denn ich kann es nicht mehr verheimlichen, daß ich in meiner seele im grunde niemand bin. "Seele" war nur der allerletzte name, den ich dafür fand, keinen namen zu haben. Doch ebenso wie die begriffe gott und energie als bezeichnungen für das sein nur namen für etwas namenloses da draußen sind, so ist die seele nur eine bezeichnung für das genauso namenlose da drinnen. Im grunde gibt es noch nicht einmal dieses drinnen und draußen, denn alles ist eine einzige, unendliche materie. Und "materie" ist auch nur ein schönes wort wie alle anderen. Also was mache ich jetzt mit meinem problem? Ich kann mich mit nichts identifizieren, weil ich keine identität brauche. Ich ruhe in meiner grundlosen inwesenheit und bin mit der welt konfrontiert, die mir einen namen abverlangt. Bäcker, schornsteinfeger, lehrer, künstler, wissenschaftler, ganz egal, ich muß mir einen namen geben, um in der gesellschaft mitspielen zu können. Nichts interessiert mich - ich liebe das leben auch ohne identifikation. Aber das erzähle mal einer meinem fallmanager im jobcenter, der verzweifelt versucht, mich auf dem arbeitsmarkt zu positionieren. Ich soll irgendwie vermittelbar sein, arbeitsfähig und arbeitswillig. Fähig und willig bin ich durchaus, ja ich spüre diese basiskompetenzen wie jeder andere, denn ich bin NICHT DEPRESSIV, eher im gegenteil: ich bin glücklich. Aber die welt treibt mich mit ihrer zwanghaften identifikationsneurose in den wahnsinn. Der wahnsinn des heiligen idioten, der seinen namen vergaß und die methode der namenfindung gleich dazu. Wie identifiziert man sich mit etwas? Wie nennt man sich nochmal beim namen und spürt dabei dieses glück, einen namen zu haben? Wie fühlt sich nochmal dieses glück an, etwas zu sein, etwas zu finden, daß man sein möchte, etwas zu tun, daß einen glücklich macht? Mich kann nichts mehr glücklicher machen als dieser unbenennbare zustand, ganz in mir selbst angekommen zu sein. Wenn ich nur irgendwas finden könnte, was in der außenwelt für diesen nutzlosen zustand geeignet wäre! Wenn ich nur irgendwas sinnvolles MACHEN könnte, was dem entspricht, gar nichts machen zu müssen, um "da" zu sein! Ich bin da, du bist da, wir sind da. Warum rennen die meisten dann trotzdem so panisch herum und tun tausend dinge, um sich von diesem DA-gefühl abzulenken, in der paradoxen hoffnung, sich DURCH IRGENDWAS mehr da zu fühlen als ohne alles? Woher die angst vor dem loslassen? Die angst, ohne alles erstrecht da zu sein, ja dann erst überhaupt wirklich ganz und gar, mit haut und haar! Denn das können wir: im körper ankommen. Indem wir jetzt unseren atem spüren, unseren körper, die sinne, können wir einfach da sein, entspannt, bei uns selbst zuhause. Und dafür brauchen wir keine namen, keine begriffe, keine worte, wir brauchen nichts, was uns oder die dinge um uns herum identifiziert. Ich erlebe die welt als ein einziges rumgerenne von a nach b, ein hinundhergeschiebe von materie, die an jeder ecke beim namen genannt wird, um dadurch die erlaubnis zu erlangen, sich zur nächsten ecke weiter zu hangeln. Ein einziges irres pingpong, das mich verrückt machen würde, wenn ich nicht schon verrückt wäre. Denn ich bin es ja: ver-rückt, aus der normalen Ordnung entrückt, weil ich nicht mitspiele. Aber ich leide darunter. Denn ein sehr menschlicher teil in meinem herz möchte nicht ausgestoßen sein, möchte kein außenseiter-dasein fristen, sondern möchte am spiel teilnehmen und einen nützlichen beitrag zum ganzen spiel leisten. Doch wie kann eine spielfigur nützlich sein, wenn sie keine farbe für nichts bekennt? Farblose, durchsichtige spielfiguren widersetzen sich allen spielregeln, ob sie das wollen oder nicht. Niemand braucht farblose figuren. Das spielfeld ist in eine exakte farbpalette eingeteilt. Wer keine farbe wählt, spielt nicht mit. Wer keine passende farbe für seine seele findet, weil seine seele leer ist, hat pech gehabt. Ich liebe die durchsichtigkeit als eigenschaftslosigkeit meiner seelenlosen seele, ich würde sofort eine gläserne spielfigur wählen, wenn es sie gäbe. Ich würde sogar revolutionen mitplanen, um farblose figuren zu legalisieren. Ich sehne mich nach einer gesellschaft, in der menschen nicht gläsern sind im sinne der öffentlichkeit ihrer persönlichen daten, sondern im gegenteil: gläsern durch auflösung aller informationszwänge. Der gläserne mensch ist für mich der identitätsfreie, der namenlose, der ganz in sich angekommene, in sich ruhende mensch, der seine augen und arme in einem unendlich dankbaren gebet öffnet und das reale leben in einer unendlichen umarmung begrüßt: Willkommen, du SEIENDES, wir sind da. Alles ist wahr. Fangen wir noch mal von vorne an...

 

NACHTRAG: Die von mir beschriebene überwindung der identifikationsneurose hat nicht nur berufliche und emotionale, sondern vorallem radikal spirituelle konsequenzen für das tiefere lebensgefühl, denn es bedeutet ein freiwerden von dieser zwanghaften suche nach einem ultimativen religiösen objekt. Wer sich mit nichts mehr zu identifizieren braucht, sondern im leeren seinsgefühl badet, benötigt dafür keinen gott und kein wahres selbst, keine kosmische energie und keinen absoluten geist. Er ist von allen esoterischen projektionen befreit, sowohl von materiellen (geister, götter, engel und dämonen) als auch von metaphysischen (also den eher abstrakten wie "das" göttliche bewußtsein und "die" leere). Sein neues lebensgefühl leitet sich ab aus dem direkten (nondualen) bezug zur unendlichen leere, die nicht dualistisch als objekt sondern als natürliche, transdualistische tiefe des ganzen empfunden wird. Er steht ihr nicht mit einem entfremdeten ich konsumistisch gegenüber, sondern das ich ist selber genauso leer wie die restliche wirklichkeit. Der konsum des eigenen ichs ist ins leere gelaufen!


AUTOR: Tom de Toys, 2014+2015
QUELLE: "Grundlose Inwesenheit" (Buch)
Die Rechtschreibung des Autors folgt eigenen Regeln.