"Wir sind mittendrin - im Sein, im Mysterium. Spiritualität der Immanenz: Alles ist da, und das nennt man Universum."

André Comte-Sponville, WORAN GLAUBT EIN ATHEIST? (2006)

 

"Es gibt keinen Unterschied zwischen dem Sandkorn und der Ewigkeit. Sie müssen sich die Ewigkeit nicht als etwas vorstellen, das im Sandkorn enthalten ist. Das Sandkorn IST die Ewigkeit. Genau so wenig unterscheidet sich die Tatsache, dass wir jetzt hier sitzen, vom Nirwana. So wie wir hier sitzen, sind wir im Nirwana. Sie brauchen weder zum Sandkorn noch zu unserem Hiersitzen einen philosophischen Kommentar abzugeben. Er erübrigt sich."

Alan Watts, DIE RELIGION DER NICHT-RELIGION (1965)



NONDU-(QU)AL-ITÄT

 

Spirituelle Sucher sind egozentrische, urschizophrene Seelenheilsucher: sie fragen sich nicht nur verzweifelt, WER sie "selbst" sind (im Sinne eines Denkers hinter den Gedanken), sondern auch WAS "eigentlich" und WARUM "überhaupt" das gesamte Sein "da" ist (und nicht nichts), weil sie das unendliche Nichts nicht als innerste Eigenschaft der Materie empfinden, sondern sich als geheimnisvollen, "göttlichen" Ursprung des Universums vorstellen. Aus lochistischer (nondual-mystischer) Sicht gab es allerdings keinerlei Urknall, weil das Sein kein dualistisch begrenztes Objekt ist und daher auch keinen "übersinnlichen" Konstrukteur benötigt: die Wirklichkeit ist (jedenfalls für einen Lochisten) tatsächlich identisch mit ihrer eigenen Leere, was für den "erwachten" Geist kein logisches Paradoxon darstellt; denn seine Erleuchtung besteht darin, eben diese unendliche Leere als sein eigenes Wesen zu empfinden anstatt eine Ich-Konstruktion in einer imaginären Mitte, die dem Glauben an einen Urknall ähnelt. Somit wurde der Suchende letztlich seine eigene Antwort als kosmisches (Selbst-) Bewusstsein des Universums, das im Innersten selber das große Nichts ist. Die permanente subtile Identitätskrise als zwangsneurotische Gottessuche endet hier und die natürliche Würde des Ganzen ist wieder in der panoramischen Wahrnehmung des Ichillusionsbefreiten hergestellt. Eine Zivilisation aus solchen ideologielosen Menschen ohne den psychischen Filter dieser absurden "letzten Fragen" (und noch absurderen Antworten!), die Psychologen, Philosophen und Kosmologen seit Jahrtausenden unnötigerweise beschäftigen, kann jetzt in mitfühlendem Respekt ohne den Fanatismus religiöser Weltanschauungen oder wissenschaftlicher Weltformeln die Völker rein praktisch-technologisch verbinden. Fast könnte man meinen, die Welt funktioniere im 21.Jahrhundert schon so postmodern "offen", aber die Kooperation zwischen einzelnen Individuen und ganzen Völkern geschieht nicht aus freigeistiger Liebe zum Leben, sondern nur durch eine machtgeile Egoelite, die zu ihrem eigenen Vorteil Ideologien wechselt und die kollektive Hypnose schamlos ausnutzt. Wir leben bereits heute in einem dystopischen Zustand, der gruseliger anmutet als ein apokalyptischer Sciencefictionfilm. Mit Erleuchtung und Aufwachen hat dieses marktwirtschaftlich getarnte totalitäre Theater rein gar nichts zu tun! Aber wir reden nicht mehr darüber - im Gegenteil: wer das so radikal formuliert wie dieser gelesene Text hier, gilt als naiver, romantischer Träumer, als Spinner und Ketzer oder gar als Verschwörungstheoretiker...

 

Autor: Tom de Toys, 28.3.2017

Erstveröffentlichung hier!

 

Die Rechtschreibung wurde angepasst.