Grundlos? Inwesend? Und dann?

Versuch einer Rezension des Neuroatheismus

Von Pier Zellin (LDL-Pressesprecher)

 

Der Begriff "Inwesenheit" ist mir bereits von seinem gleichnamigen Gedichtband geläufig. Dort heißt es im Untertitel: Perinzendenz statt Transzendenz. Dieses Motto lässt sich auch auf das neue Buch "GRUNDLOSE INWESENHEIT" anwenden, in dem sich der Lyriker als delirischer Essayist erweist. Hier wird jede Form von Transzendenz als esoterisches Hirngespinst zum Platzen gebracht! In 22 "ekstatischen Essays" aus dem Zeitraum 1992 bis heute umkreist Tom de Toys in oftmals eigenwilliger Orthografie das nonduale Zentrum des Bewusstseins und referiert über soziologische und kosmologische Problemstellungen, die sich quasi automatisch aus seiner radikalmystischen Sicht der Dinge ergeben. Der Glaube an metaphysische Floskeln wie "Gott" und die "Liebe" wird hier psychologisch sabotiert, um ein bedingungsloses Mitgefühl für die totalreale Welt in sich zu erwecken. So heißt es 2012 in dem Text "JETZTSEITS STATT JENSEITS":

>>kein mensch hat jemals ein paradies oder ein nirwana gesehen, es sind bloß massenpsychistische konstruktionen der transzendentalen fiktionalität. ab jetzt zählt nur noch, was sinnlich konkret fühlbar und darum messbar ist: SINN wird nicht mehr im berüchtigten "jenseits" gesucht, LIEBE passiert als geteiltes ereignis anstatt als metaphysische fake-entität, SEELE, SELBST, GOTT und die LEERE werden ersatzlos aus allen fachlexika gestrichen.<<

Stattdessen erklärt De Toys die Fähigkeit des Menschen zur Rückkehr in eine projektionsfreie Selbstwahrnehmung, die den ideologielosen Blick auf die Wirklichkeit als "absolut wirkliche" ermöglicht. Der Autor läd dazu ein, ganz in der Gegenwart anzukommen, um die reale Welt als radikal "wahr" zu empfinden, ohne doppelten Boden, ja, ohne Boden überhaupt: grundlos. Diese Grundlosigkeit meint sowohl den Selbstzweck alles Seienden, ohne eine "letzte" Begründung zu benötigen, als auch die ontologische Bodenlosigkeit der Mystik. So heißt es 2015 in dem finalen Text "NEUROSMOG? DER ALLTAG ALS TAG IM ALL!":

>>Wer heute noch immer an Gott glaubt, hat die unendliche Leere noch nicht gespürt. Und wer nach einer mystischen Erfahrung weiterhin von Gott redet, der ist in sein kleines Ich zurückgefallen, weil er das Loch nicht verkraftet hat. Wenn du deinen Geist einerseits leer machst und dann wieder mit Neurosmog anfüllst, wirst du zum Esoteriker und kannst die diplomatische Laufbahn eines Gurus einschlagen. Als Heimkehrer ins Ich kannst du das Loch und die Leere vermarkten, als seien das Dinge, die man konsumieren kann. Aber ein Schüler der Leere merkt schnell, daß ihm das Loch zwischen den Fingern zerrinnt. Es ist wie Wasser - es plätschert dahin, ohne sich greifen zu lassen! Es ist, als ob du selber aus Wasser bestündest und durch dich selbst hindurch greifst. Dein Ich ist in Wirklichkeit das gesamte Zerfließen deiner Anwesenheit.<<

Mit diesen "neuroatheistischen" Statements über das angebliche Loch als eigentliche Mitte des Seins (und damit auch des Bewusstseins) schließt sich der Bogen zum Anfang des Buches, das mit dem Essay "LOCHISMUß" von 1992 beginnt. Hier heißt es bereits:

>>Deine nackte Anwesenheit west grundlos in sich selbst als Teil der Welt. / Keine Verwechslung mehr: Solange ich alles mögliche (und sei es noch so inneres) DU bin, bin ich nicht ICH. Erst das Ich, das ich nicht zum Gegenstand (meiner Betrachtung eines Du) machen kann, ist mein Zuhause. EIN HAUSLOSES ZUHAUSE. Das ewige DU OHNE DU, das ich bin ohne Ich, weil letztlich alles in der Verlorenheit vereinigt und identitätslos "da" ist.<<

Man spürt, wie sehr der Autor schon damals um Worte ringt, die das Unsagbare benennen sollen. Es ist wohl das Schicksal eines Mystikers, ganz gleich, ob er die Lyrik oder die Prosa als Medium wählt: Er bleibt der Sprache skeptisch gegenüber und versucht, Lügen in den Begrifflichkeiten zu enttarnen. Ziel dieser Essays ist immer wieder die Überwindung des symbolischen Denkens hin zu einem präsentischen Gespür für die Welt. Stellvertretend für viele andere Passagen im Buch heißt es 2015 in dem Text "OBJEKTFREIE ZONE":

>>Jede Sache wird zu ihrer eigenen innersten Sachlichkeit. Alles ist endlich ganz da. In sich. Als Bestandteil des Ganzen. Das Sein passiert endlich jetzt. In der Gegenwart. In sich selbst ruhend. Ganz anwesend. Grundlos. Inwesend.<<

Man meint, derlei spirituelle Phrasen schon oft genug gehört zu haben, doch ist dieses Buch eben nicht das Werk eines Esoterikers, sondern eines gesellschaftskritischen Freigeistes, der etwas schafft, was ich bislang in keinem Lebensratgeber fand: mit einem einzigen Neologismus sämtliche Ideologien ad absurdum zu führen und mit diesem schlichten Wort "Inwesenheit" unsere vielleicht verheerendste Volkskrankheit, die Abwesenheit (das Leben in symbolischen Illusionen), an der Wurzel zu packen. Für mich gilt dieses Buch heute schon als Standardwerk der Bewusstseinserweiterung. Ich bin gespannt, ob sich der Neuroatheismus des Autors in einer neuen Generation bemerkbar machen wird, die nicht mehr die meiste Zeit ihres Lebens damit verbringt, auf das Display ihres Smartphones zu starren. Die Sehnsucht nach einem anderen Umgangston unter Menschen aus dem Geiste der inneren Freiheit zeigt sich besonders in einer Passage des Textes "SPIRITUELLE DEMENZ" von 2014:

>>Ich vermisse die menschen, deren subtile seelen nicht vom gemurmel der religionen absorbiert sind. Die menschen, deren privat subversive sehnsucht nicht von den angeboten der unterhaltungsindustrie assimiliert ist. Ja, jene, die sich nicht mit dem produzieren und konsumieren zufrieden geben sondern die globale zwanghaftigkeit überwinden und geistig im niemandsland des boykotts ihrer herzen auftauchen. Das niemandsland der verweigerer und versager. Der spirituellen anarchisten. Der menschen, die nicht mehr falsch spielen wollen. Die nicht mehr die kostbare lebenszeit mit den modernen beschäftigungstherapien verschwenden wollen. Die innehalten und stehenbleiben. Die sich ihre augen ausreiben und wundern, warum dieser quatsch immer weiter und weiter läuft wie das debile programm auf allen kanälen im fernsehen.<<

So verbindet das Buch "GRUNDLOSE INWESENHEIT" von Tom de Toys Spiritualität mit Gesellschaftskritik, ohne sich auf eine neue "tröstende" Ideologie zu stützen. Ist die Zeit reif für eine derart gnadenlose geistige Freiheit? Man möchte es heutzutage vorallem Politikern wünschen, um mehr Mitgefühl für die Nöte der Menschen zu zeigen. Wer ganz "grundlos" im Hier und Jetzt ankommt, verschanzt sich nicht länger hinter Ausreden und Notlügen. Inwesend sein, bedeutet zu kommunizieren. Bedeutet in totalem Kontakt zu stehen anstatt sich im unekstatischen Ego einzukapseln. Eine große Herausforderung für den heutigen Mensch, der noch nicht einmal bemerkt, wie abwesend und abgelenkt er eigentlich ist. Immun gegen lebensphilosophische Grübeleien. Perinzendenz statt Transzendenz? Erstmal eine neue App installieren und Pizza statt Perinzendenz bestellen...

 


Tom de Toys: GRUNDLOSE INWESENHEIT - 22 Ekstatische Essays 1992-2015, Originalausgabe, BoD Verlag 2015
Lieferbar über: www.neurogermanistik.de / ISBN 9783738627442, 72 Seiten, 16 Euro
Ab August 2015 im Buchhandel - Leseproben:

www.NEUROSMOG.de & www.INWESENHEIT.de & www.NEUROATHEISMUS.de